Am Vormittag sitzen sie schon da: ein paar Männer auf Plastikstühlen vor einem Kafenio, eine kleine Tasse vor sich, das Brett für Tavli zwischen den Ellbogen. Es ist keine besondere Gelegenheit. Es ist ein gewöhnlicher Tag auf Zypern, und der Kaffee gehört zu diesem Tag wie das Licht zum Nachmittag.
Zypriotischer Kaffee ist kein Trend und kein Ritual für Touristen. Er ist Teil des Alltags, seit Jahrhunderten, und er wird bis heute in einem kleinen Kännchen langsam erhitzt, mit Geduld. Wer verstehen will, wie Zypern tickt, sollte einmal in einem Kafenio sitzen und zusehen.
Woher der zypriotische Kaffee kommt
Kaffee kam mit den Osmanen auf die Insel. Mit der osmanischen Herrschaft ab dem späten 16. Jahrhundert verbreitete sich auf Zypern auch die Tradition, fein gemahlenen Kaffee in einem kleinen Kännchen aufzukochen und in winzigen Tassen zu trinken. Über die Jahrhunderte entwickelte sich daraus eine eigenständige, zypriotische Kaffeekultur, die zwar mit der griechischen und der türkischen eng verwandt ist, aber ihren eigenen Charakter behalten hat.
Der Name des Getränks ist auf Zypern kein rein kulinarisches Detail, sondern auch ein politisches. Nach den Ereignissen von 1974 setzte sich im griechischsprachigen Teil Zyperns zunehmend die Bezeichnung „kypriakos kafes“, also zypriotischer Kaffee, durch. Zubereitung und Geschmack haben sich dadurch nicht verändert, nur der Name. Ähnliche Zubereitungsformen sind im gesamten östlichen Mittelmeerraum verbreitet, die Bezeichnungen unterscheiden sich dabei von Land zu Land und von Region zu Region. Es lohnt sich, das zu wissen, bevor man vor Ort nach „türkischem Kaffee“ fragt.
Das Kafenio: Herzstück des Dorflebens
Ein Kafenio ist mehr als ein Café. Traditionelle Kafenia befinden sich häufig am zentralen Dorfplatz oder an einer gut sichtbaren Ecke im Dorfkern, oft im Schatten einer grossen Platane. Hier treffen sich Nachbarn, wird über die Ernte gesprochen, über Politik, über das Wetter. Traditionell war das Kafenio vor allem ein Ort für Männer, die hier ihre freien Stunden verbrachten, Karten spielten oder eine Partie Tavli austrugen, das auf Zypern beliebte Backgammon.
Diese Rolle als sozialer Treffpunkt hat das Kafenio bis heute nicht verloren, auch wenn sich das Publikum langsam verändert. In vielen Bergdörfern des Troodos-Gebirges ist es weiterhin vor allem die ältere Generation, die regelmässig hierherkommt. Viele Stammgäste müssen kaum erklären, was sie möchten, weil Betreiber und Besucher einander seit Jahren kennen.

Von aussen wirken viele Kafenia unscheinbar: ein paar Tische, einfache Stühle, eine Theke mit dem Kaffeekännchen auf kleiner Flamme. Genau diese Schlichtheit macht den Ort aus. Es geht nicht um Ambiente, es geht um Gespräch, Zeit und die immer gleiche kleine Tasse Kaffee.
Sketos, metrios, glykos: Die Kunst der Zubereitung
Zypriotischer Kaffee wird im Briki zubereitet, einem kleinen, meist kupfernen Stielkännchen, das heute auch in modernen und elektrischen Varianten erhältlich ist. Für eine Tasse gibt man einen gehäuften Teelöffel fein gemahlenen Kaffee mit kaltem Wasser und, je nach gewünschter Süsse, Zucker in das Kännchen. Der Zucker kommt dabei ins kalte Wasser, nicht erst später.

Das Kännchen wandert auf kleine Flamme. Der Kaffee wird langsam erhitzt, bis der Schaum aufsteigt, er soll dabei nicht kräftig sprudelnd kochen, weil der Kaimaki sonst zusammenfällt. Auch die offizielle Tourismusseite Visit Cyprus beschreibt diesen Schritt als den entscheidenden Moment der Zubereitung. Wird die Mischung zu heiss, kocht sie über, der Kaimaki fällt in sich zusammen, und der Kaffee gilt als misslungen.
Serviert wird er in drei Varianten: sketos, ganz ohne Zucker und schwarz; metrios, mit einem Teelöffel Zucker; und glykos, mit zwei Teelöffeln Zucker. Traditionell wird zypriotischer Kaffee ohne Milch getrunken. Dazu bekommt man immer ein Glas Wasser serviert, meist bevor der Kaffee überhaupt kommt.
Getrunken wird in kleinen Schlucken, der dicke Satz am Boden der Tasse bleibt zurück. Wer möchte, kann die Tasse danach umdrehen und warten, bis der Satz getrocknet ist. Aus den Mustern lesen manche angeblich die Zukunft, ein Volksglaube, den man mit einem Lächeln nehmen darf, ohne ihn ernst nehmen zu müssen. Weitere kulinarische Traditionen der Insel stellen wir in unserem Überblick zur traditionellen zyprischen Küche vor.
Wo du die Kafenio-Kultur heute erlebst
In Nikosia bietet sich die Laiki Geitonia als Ausgangspunkt für einen Spaziergang durch die historische Altstadt an. In den restaurierten Gassen und den angrenzenden Vierteln finden sich traditionelle Cafés und kleinere Lokale, die einen Eindruck von der älteren Kaffeehauskultur vermitteln.

Wer tiefer in die ursprüngliche Kafenio-Kultur eintauchen möchte, sollte in die Dörfer fahren. Im Troodos-Gebirge begegnet man in vielen Bergdörfern noch kleinen Cafés und traditionellen Treffpunkten, besonders rund um den Dorfplatz. Auch Pano Lefkara, bekannt für seine Spitzenstickerei, lädt zwischen den Handwerksbetrieben und Gassen zu einer Pause bei einem Kaffee ein. Der Unterschied zu den touristischen Cafés an der Küste ist meist deutlich spürbar: weniger Auswahl, weniger Tempo, dafür mehr echtes Dorfleben.
Praktische Hinweise für deinen Kafenio-Besuch
Ein Kafenio erkennt man meist an einfachen Tischen im Freien, oft unter einem Baum oder einer Markise, und an älteren Herren, die dort über Stunden sitzen. Wer hineingeht, sollte sich Zeit nehmen, denn hier wird nicht schnell konsumiert.
Bei der Bestellung reicht die Nennung der gewünschten Süsse: sketos, metrios oder glykos. Wer unsicher ist, bestellt am besten metrios, die mittlere Variante. Der Kaffee kommt meist zusammen mit einem Glas Wasser, das man vor, während oder nach dem Kaffee trinken kann, wie es beliebt.
Wer als Besucher in ein Dorf-Kafenio kommt, wird in der Regel freundlich, aber unaufgeregt aufgenommen. Ein ruhiges Auftreten und etwas Geduld gehören dazu, ebenso die Bereitschaft, den Kaffeesatz in der Tasse zu lassen und nicht mitzutrinken.
Fazit
Der zypriotische Kaffee ist unscheinbar in seiner äusseren Form und bedeutsam in dem, was er auslöst: ein Innehalten, ein Gespräch, ein Moment, der nicht gehetzt werden will. Wer auf Zypern ein Kafenio besucht, egal ob in der Laiki Geitonia in Nikosia oder auf dem Dorfplatz eines Bergdorfs im Troodos, bekommt einen Eindruck vom Alltag der Insel, der sich in keinem Hotelpool und an keinem Strand einstellt. Eine kleine Tasse, ein Glas Wasser, und Zeit, die man sich einfach nimmt.






