Jedes Jahr im Frühling beginnt an den Küsten Zyperns ein faszinierendes Naturschauspiel: Die Meeresschildkröten kehren zurück, um ihre Eier in den warmen Sand zu legen. Für Naturfreunde und Inselbesucher ist dies eine einmalige Gelegenheit, die bedrohten Tiere aus nächster Nähe zu beobachten – vorausgesetzt, man hält sich an einige wichtige Regeln. Besonders an der Westküste Zyperns entstehen jetzt wieder zahlreiche Nester, die von freiwilligen Helfern, Forschern und lokalen Behörden geschützt werden.
Zwei Arten, ein Ziel: Zyperns Strände
Auf Zypern legen zwei Meeresschildkrötenarten ihre Eier ab: die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) und die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas). Beide sind streng geschützt und gelten weltweit als gefährdet. Obwohl sie die meiste Zeit ihres Lebens im offenen Meer verbringen, kehren sie zur Eiablage stets an jene Strände zurück, an denen sie selbst geschlüpft sind – ein Phänomen, das Biologen als „natalen Ortstreue“ bezeichnen.

Die Nistsaison beginnt Mitte Mai und dauert bis etwa Ende August. In dieser Zeit legen die Weibchen in der Nacht zwischen 80 und 100 Eier in den warmen Sand. Nach etwa 50 bis 60 Tagen schlüpfen die Jungtiere und machen sich auf den gefährlichen Weg ins Meer. Nur ein Bruchteil – etwa eines von tausend Jungtieren – erreicht das Erwachsenenalter.
Die Hotspots der Schildkröten auf Zypern
Zypern zählt zu den wichtigsten Nistplätzen im Mittelmeerraum. Besonders zwei Regionen sind bekannt für ihre hohe Dichte an Schildkrötennestern:
1. Lara-Toxeftra-Strände (Halbinsel Akamas):
Diese abgelegenen, naturbelassenen Strände sind Teil eines streng geschützten Reservats. Hier sind keine Sonnenschirme, Liegestühle oder motorisierten Fahrzeuge erlaubt. Die Strände dürfen nur zu Fuss betreten werden, und selbst das wird während der Hochsaison reglementiert. Frühmorgens oder in den Abendstunden kann man hier mit etwas Glück Schildkröten beim Graben ihrer Nester beobachten – aber bitte immer mit respektvollem Abstand und ohne Blitzlicht.
2. Polis-Gialia-Küste (Region Polis Chrysochous):
Auch an den Stränden von Gialia, Limni und Argaka in der Nähe von Polis legen Meeresschildkröten ihre Eier ab. Diese Küste wird zunehmend von engagierten Einheimischen und Freiwilligen betreut, die Nester markieren, überwachen und vor Raubtieren schützen. In einigen Orten, wie in Limni, werden nachts auch geführte Exkursionen angeboten – ideal für Besucher, die mehr über die Tiere und ihren Schutz erfahren möchten.

Schutz braucht Mitwirkung
Die Schildkröten sind mit zahlreichen Gefahren konfrontiert – nicht nur durch natürliche Fressfeinde, sondern auch durch menschliche Einflüsse. Die wichtigsten Gefährdungen sind:
- Lichtverschmutzung: Helles Licht kann die frisch geschlüpften Tiere desorientieren. Statt zum Meer laufen sie zum Licht – mit fatalen Folgen.
- Touristische Nutzung: Unachtsames Verhalten am Strand, z. B. das Aufstellen von Möbeln oder das Betreten von Nistzonen, kann Nester zerstören.
- Plastikmüll und Meeresverschmutzung: Schildkröten verwechseln oft Plastiktüten mit Quallen – einer ihrer Hauptnahrungsquellen.
Besucher werden daher gebeten, sich an einfache Regeln zu halten: keine lauten Geräusche, kein Licht, kein Müll, keine Berührungen und ein respektvoller Abstand von mindestens zehn Metern zu den Tieren.
Ein nachhaltiges Erlebnis für Naturliebhaber
Wer verantwortungsvoll reist, kann auf Zypern eine einmalige Erfahrung machen. Das Beobachten einer nistenden Schildkröte in der Dämmerung ist ein stilles, ehrfurchtgebietendes Erlebnis. Zahlreiche lokale Organisationen – etwa das Lara Turtle Conservation Project oder NGOs in Polis – bieten Informationsmaterial, Führungen und Möglichkeiten zur freiwilligen Mitarbeit an. Auch für Kinder ist dies eine spannende Gelegenheit, mehr über den Schutz bedrohter Arten zu lernen.
Zypern zeigt, dass Naturerlebnis und Naturschutz Hand in Hand gehen können. Wer die Insel besucht, sollte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen – und mithelfen, dass auch zukünftige Generationen noch Schildkröten an den Stränden sehen können.





